Der bekannte Schweizer Schriftsteller Rolf Dobelli schreibt in seinem Buch Die Kunst des guten Lebens folgenden Satz: „Das Smart Home ist für mich eine Horrorvorstellung. Lieber knipse ich die Lampen im Haus manuell ein und aus statt über eine App, die ich installieren, vernetzen und laufend updaten muss.“ In der Tat denken viele technikmüde Zeitgenossen wie Dobelli, wohl aber haben die allermeisten von ihnen noch nie in einem modernen Smarthome gelebt.
Tatsächlich bezweckt ein gutes Smarthome, dass Sie sich weniger und nicht mehr Zeit mit Ihrem Haus beschäftigen werden. Die Grundidee besteht darin, die Bewohner möglichst zu entlasten, d.h. ihnen Arbeit und Entscheidungen abzunehmen. Falls die Eigentümer dies wünschen, kann ein Smarthome so konfiguriert werden, dass nach einer kurzen Einrichtungsphase im Prinzip nie mehr ein Schalter oder Bedienpanel betätigt werden muss, weder für Licht, Storen noch sonst eine Funktion!

Kontextsensitive Steuerung

Das Stichwort für ein autonomes Haus, in dem die Bewohner ein absolutes Minimum selber erledigen müssen, heisst „kontextsensitive Steuerung“. Nehmen wir als Beispiel ein fensterloses WC in Ihrem Haus. Ersetzen Sie den Lichtschalter durch einen Präsenzmelder, sparen Sie über die Jahre tausende von Handgriffen zum Lichtschalter. Nebenbei sparen Sie natürlich auch Energie, weil das Licht immer löscht, wenn niemand mehr im Raum ist. Im modernen Smarthome kann diese Lichtsteuerung aber noch weiter optimiert werden, wie z.B. durch Koppelung mit der Tageszeit: So leuchtet das Licht tagsüber mit voller Helligkeit und in der Nacht ist das Licht gedimmt. Das spart wiederum Energie und schont die Augen des verschlafenen Bewohners.
Nach diesem Prinzip kann das ganze Haus so konfiguriert werden, dass das Licht autonom funktioniert und ausschliesslich nach der Anwesenheit der Bewohner, der Tageszeit und der Umgebungshelligkeit gesteuert wird. Ebenso können Storen komplett nach Tageszeit, Aussenhelligkeit sowie Innen- und Aussentemperatur gesteuert werden (typischerweise also eine kombinierte Logik aus Sichtschutz und energieeffizienter Beschattung). Ähnliches gilt für das integrierte Alarmsystem: Beim Verlassen des Hauses kann dieses automatisch scharfgestellt werden. Bei der Rückkehr ist es bei biometrischen Zutrittssystemen im Smarthome möglich, das Alarmsystem direkt zu deaktivieren und entsprechend der eintretenden Person (die durch z.B. Fingerprint oder Handvenenmuster identifiziert wurde), eine persönliche Willkommensszene aufzurufen (Schaltung von Licht, Beschattung, Musik, etc.). Mehr für Anwendungen im Zweckbau gibt es z.B. auch spezielle Präsenzmelder für Sitzungszimmer, die in der Lage sind, die Menschen im Raum zu zählen. In Abhängigkeit davon können dann z.B. Funktionen wie Heizung und Lüftung gesteuert werden.

Micro-Location-Technologies

Ein weiterer Aspekt für die kontextsensitive Steuerung ist die genaue Ortung der Bewohner innerhalb des Hauses. Eine relativ einfache Variante setzt bei der Ortung des Smartphones an. D.h. das Smartphone erkennt, welchem Ortungspunkt Sie am nächsten sind und kann so ermitteln, in welchem Raum Sie sich mit Ihrem Smartphone gerade befinden. So wird auf der Anzeige jeweils direkt das Bedienpanel des jeweiligen Raumen für Licht, Storen und Lüftung angezeigt. Die Innenraumortung kann z.B. auch für Multiroomaudio-Systeme genutzt werden, so dass stets Ihr Radiosender oder Ihre aktuelle Playliste gespielt wird, wenn Sie in einem Raum die Musik einschalten. Diese sogenannten „Indoor positioning systems“ sind das Pendant zur GPS-Ortung ausserhalb des Hauses. Aufkommende Technologien, wie z.B. iBeacon, Bluetooth-Low-Energy (BLE) oder NFC bieten eine Ortungsgenauigkeit von bis zu weniger als 1 Meter.

Die Zukunft

In Zukunft werden unsere Häuser vermehrt noch von uns lernen, entsprechende Muster erkennen und Regeln für die Steuerung daraus ableiten. Das antizipierende Smarthome wird aber nur da auf Akzeptanz stossen, wo es einen echten Mehrwert bringt und die Bewohner tatsächlich entlastet.
Um auf Rolf Dobelli zurückzukommen (dessen Buch übrigens sehr empfehlenswert ist), muss also netto ein Zeitgewinn resultieren und keinesfalls darf das Smarthome ein „Antiproduktivitäts-Faktor“ sein! Ein weiteres Unbehagen können wir übrigens noch zerstreuen: Bei Renomation gibt es bereits heute keinerlei Apps, sondern nur eine einfache Weboberfläche, die stets auf dem neuesten Stand ist.

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